Welche Kunst soll vom städtischen Geldtopf profitieren? Die Stadt macht ein Konzept, die Bürgerlichen einen Vorstoss und das team baden bekräftigt: Es braucht städtische Kulturförderung!

Ist der Betrieb des Kunstraums Aufgabe der Stadt? Liessen sich diese Gelder nicht sinnvoller und effektiver einsetzen? Wird überhaupt die richtige Kunstform unterstützt? Das fragten sich elf bürgerliche Exponenten, als sie vom Einwohnerrat verlangten, den Kunstraum zu schliessen. Sie lösten eine Welle der Entrüstung aus – nicht nur bei Badener Kunstinteressierten. Eine breite Solidaritätsbewegung machte den Vorstoss schliesslich zum Rohrkrepierer - der Kunstraum Baden lebt weiter. Was lässt sich daraus ableiten?

Eine Stilfrage

Es ist nicht verboten, gegenüber einzelnen Förderungsformen eine kritische Einstellung einzunehmen. Nur: Zeitpunkt und der Ton müssen stimmen. Wer mit dem politischen Vorschlaghammer eine Kulturdebatte erzwingt, giesst Öl ins Feuer. Wer dies tut, während das städtische Kulturkonzept erarbeitet wird, nimmt Resultate vorweg und torpediert die Arbeit anderer. Die Kernfrage allerdings bleibt: Wie können öffentliche Mittel eingesetzt werden, damit pro investiertem Franken möglichst viel bewegt werden kann? Dies ist keine Ja-Nein-Frage, auch wenn einzelne Politiker aller Couleur dies bisweilen so sehen.

Breites Angebot

Man braucht kein ausgewiesener Kenner zu sein, um Institutionen wie Fantoche-, Figura- und Bluesfestival, Kurtheater, Tanzzentrum, Lars Müller Verlag, Thik, Jazz im Isebähnli und Namen wie Max Lässer, Adrian Stern, Beat Zoderer, Palino und Beat Gloor zu kennen. Und das ist erst ein kleiner Teil. Die Badener und Badenerinnen sind stolz auf ihr Kulturangebot. Dass Kleiderfabrik, Brennpunkt, Seerose und Claque geschlossen wurden, lässt aber aufhorchen. Auch sonst läuft nicht alles rund: Beim Herbert beklagen sich die Nachbarn, und wer an der Limmat einen Strudel erhalten will, wird gar verklagt.

Täteridentifizierung

Gehen wir also in medias res: Wer soll warum wieviel erhalten? Die Jagd ist eröffnet! Wo sind sie, die «nicht förderungswürdigen Kunstformen» (vgl. den bürgerlichen Vorstoss) Wo sind diese Trittbrettfahrer der Kulturszene? Kann unterstützungsunwürdige Kultur über ihren Inhalt definiert werden? Es wird grotesk. Den Gesuchten dürfte gemeinsam sein, dass ihre Erfolgsrechnung jedem profitorientierten Unternehmer die Tränen in die Augen treibt, und dass von der breiten, auch zahlungskräftigen Bevölkerung nicht goutiert werden. Wir haben es also weder mit dem Kurtheater zu tun, dessen Unterstützung nur noch eine Frage des genauen Millionenbetrags ist, noch mit Partylokalen, die auf der sinnbefreiten Mainstream-Welle reiten. Unsere Akteure heissen nicht-arrivierte Kultur, Randkultur, Subkultur. Gemeinsam ist diesen Formen überdies, dass sie über die pure Unterhaltung hinausgehen und daher Identifikation und Orientierung (oder Desorientierung) bieten können.

Vielfalt erweitern

Sie sind ein feines und wohl auch zerbrechliches Gegengewicht zu jenen Angeboten, die mit der grossen Kelle anrichten. Sie präsentieren sich oftmals nicht sauber und herausgeputzt, als Experiment vielleicht, selten eindimensional und können jeglichem Rationalisierungs- und Effizienzdenken spotten. Letzteres macht sie naturgemäss zur Zielscheibe von Leuten, deren einzige Gottheit das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist oder die von der Kunst erwarten, dass sie auf Anhieb verständlich sein müsse. Die nicht etablierte Kultur darf aber nicht unter der Experimentierunfreudigkeit, dem Unverständnis und der Gewinnorientierung einzelner Politiker leiden. Badens Entscheidungsträger sind vielmehr aufgefordert, geeignete Vehikel zu Verfügung zu stellen.

Viele Unterstützungsformen denkbar

Neben der klassischen Unterstützung durch Gelderverteilung sind weitere Formen denkbar. Insbesondere die Schaffung bzw. das Anbieten von Räumen, in denen nicht etablierte Kultur überhaupt erst entstehen kann, hat Priorität. In den Glas- und Betonpalästen der Gstühl- und Falkenareale dürfte in den kommenden Dekaden kein neuer Brennpunkt mehr entstehen. Günstige Räume, die als Ateliers oder Treffpunkte genutzt werden könnten, verschwinden zusehends oder werden, wie im Merker oder Oederlin geschehen, von zahlungskräftigeren Interessenten übernommen.

An oberster Stelle eines Wunschkatalogs stünde deshalb der strategische Erwerb von Liegenschaften. Diese könnten günstig oder unentgeltlich für Kulturexperimente freigegeben werden. Wer will, der mache ein Konzept dazu. Prüfenswert wäre auch eine Kulturkarte, die Badenerinnen und Badener den vergünstigten Bezug von bestimmten Kulturleistungen ermöglicht. Dies dürfte einen positiven Einfluss auf die Besucherzahlen sowie die Identifikation mit dem Kulturstandort Baden haben.

von Hannes Streif, Einwohnerrat

erschienen in: teamblatt 2009