Schule

Die Schule muss es richten!

Den Badenerinnen und Badenern ist eine gute Schule etwas Wert. Denn die Gesellschaft prägt die Schule und die Schule die Gesellschaft.

Die Anforderungen an die Schulen wachsen ständig. Kaum tritt ein gesellschaftliches Problem auf, nehmen viele Erwachsene alsgleich die Schule in die Pflicht. Ob das Littering überbordet, der Alkoholkonsum oder die Gewalt zunimmt – das Rezept bleibt gleich: die Schule muss es richten. Zugleich erwarten viele Eltern, dass ihre Kinder individuell gefördert werden und möglichst gut abschliessen. Wie soll die Schule all diesen Ansprüchen genügen?

Kinder lernen überall

Die Volksschule in Baden hat einen guten Ruf, wie sich jeweils bei den regelmässigen Eltern-Umfragen zeigt. Eine gute Schule kommt aber nicht von ungefähr. Und es genügt auch nicht, «nur» eine gute Schule zu haben (!). Sie muss sich ständig an die ändernden Anforderungen anpassen. Dies erfordert ein hochmotiviertes Lehrpersonenteam, das von der Schulleitung gut geführt wird. Der Schulpflege und dem Stadtrat war es auch die letzten vier Jahre ein grosses Bedürfnis, diese Schulentwicklung zu ermöglichen. Ein mehrjähriger Qualitätsentwicklungsprozess ist diesen Sommer zu Ende gegangen, welcher von allen Beteiligten sehr viel Engagement abgefordert hat. Ausserdem sind in der zur Ende gehenden Legislatur Blockzeiten und die Schulsozialarbeit erweitert worden. Das kostet. Doch der Wert, den wir alle – nicht nur die Eltern unter uns – dafür erhalten, ist unschätzbar höher.

Und dennoch, die Schule kann noch so gut sein, am Abend ist sie zu Ende. Dann begeben sich die Kinder auf den Heimweg. Sie werden die Schulwelt mit der Umwelt vergleichen und sich erstaunt fragen, warum so viel Abfall herumliegt, warum die Strassen verstopft sind, warum am Fernsehen gelogen, getrunken und intrigiert wird. Kinder lernen überall, nicht nur in der Schule.

Schule unter Baumkronen

Baden bietet einen besonders guten Boden für besondere Schulen. Die öffentliche Tagesschule mit ihren besonderen Unterrichts- und Betreuungsstrukturen feierte dieses Jahr ihr 10-Jahres-Jubiläum. Sie erfreut sich zunehmender Beliebtheit und stiess in diesem Jahr fast an ihre Kapazitätsgrenze.

Kürzlich erblickten zwei weitere spezielle Schulen das Licht der Welt. Die Waldschule ist insbesondere der Initiative der neuen Schulpflegerin des team baden, Verena Speiser, zu verdanken. Das Schulzimmer der Waldschule sind die Baumkronen der Baldegg.

Die International School Zürich hat auf Bestreben des Kantons und mit der Unterstützung des Stadtrats eine Filiale in Baden eröffnet. Die International School unterrichtet überall auf der Welt nach den gleichen Prinzipien und gibt den Kindern der modernen Nomaden so Halt im ständigen Wechsel.

Den Kindern soll es wohl sein in der Schule. Dies hat der Stadtrat nicht nur in seinen Legislaturzielen festgehalten, es ist ihm auch ein grosses Anliegen. Und er ist immer wieder bereit, zusätzliche Gelder für die Schule zu sprechen. Der aufgeschlossene EinwohnerInnenrat unterstützt die Anträge jeweils. Es macht Freude, in Baden Schulvorstand zu sein.

  
 

BBB - BasisBildungBaden

In den vergangenen Jahren bedeutete das Kürzel BBB: BerufsBildungBaden. Unter der Führung von Martin Langenbach hat Baden wegweisende Entscheide gefällt und umgesetzt. Es ist gut, Schwerpunkte zu setzen. Nun muss der Fokus auf die Volksschule gerichtet werden.

Baden führte als erste Gemeinde im Kanton die geleitete Schule mit professioneller Leitung ein. Damit sind insbesondere Strukturreformen erfolgreich umgesetzt worden, nun müssen diese den Betroffenen dienen. Oder anders gesagt, es tut sich eine Reihe von Fragen auf, welche bisher zu wenig betrachtet worden sind. Die Zentralfrage lautet:

Was muss wer tun, damit die Schule für alle – Kinder, Eltern und Lehrkräfte – eine gute Erfahrung wird?

Daraus ergeben sich eine Anzahl Präzisierungsfragen, dazu hier eine kleine Auswahl. Kinder, welche in der Schule erfolgreich sind, betrachten diese als gute Erfahrung, ebenso sind deren Eltern und Lehrkräfte glücklich über den Erfolg. Offenbar steigt aber die Zahl der Lernenden an, welche mit der Schule aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten haben. Sind die nun selber schuld, wollen die nicht? Oder wollen die nicht das Gleiche, was die anderen gerade wollen? Es gibt Kinder, die einfach nichts behalten, aber z.B. über 100 Magic-Karten und deren genaue Charakteristik aufzählen können. Wie machen die denn das? Könnten wir davon lernen?

Ein grosser Hut ist gefragt

Welchen Teil bringen die Eltern mit ihren Schulerfahrungen mit? Kann man ihre sehr verschiedenen Erwartungen unter einen Hut bringen? Wie kann man sie im Schulalltag integrieren? Und wie arbeitet man mit jenen, welche sich nicht für die Schule interessieren?

Können sich die Lehrkräfte nur auf ihr «Kerngeschäft» konzentrieren? Was ist das eigentlich? Was machen beliebte Lehrkräfte anders als unbeliebte? Wie schöpfen erschöpfte Lehrkräfte neue Kraft? Wer sorgt dafür? Wann ist die Schule gut geleitet? Wer stellt dafür die Kriterien auf?

Entwicklung einer neuen Schulkultur

Die Schule hat unzählige Schnittstellen (zu sozialen und kulturellen Institutionen, Arbeitswelt und Politik), welche berücksichtigt werden müssen, wenn es um die Frage geht, wie die Schule für alle Beteiligten zu einer guten Erfahrung werden kann. Dass dazu ein gutes Umfeld (vorschulische Angebote, Tagesschulen, Mittagstischen und Aufgabenhilfen) nötig ist, ist selbstverständlich.

Die Schulsozialarbeit ist ein erster Schritt, um das komplexe System etwas koordinierter und wirkungsvoller zu gestalten. Es braucht eine grundlegend neue Schulkultur, die die Schule explizit als Teil des gesellschaftlichen Umfelds definiert und sich darin auch souverän bewegt. Konkret bedeutet dies: Als Stadtrat möchte ich all die Betroffenen an einen runden Tisch bringen. Die Interessen aller Beteiligten werden ausgetauscht. Dank den geschaffenen Strukturen kann dies einfach umgesetzt werden. Nur wenn Kinder, Schule und Eltern zusammenarbeiten, verhindern wir die Leere nach der Schule.

Lernzentrum im Quartier

Vielleicht gibt es alsbald Schulhäuser, welche auch von Eltern und Vereinen genutzt werden, wo gemeinsames Lernen von Erwachsenen und Kindern stattfindet. Die teure Infrastruktur wird zum Lernzentrum fürs Quartier. Lebenslanges Lernen. Recht auf Bildung, auch für grosse Kinder. Recht auf lehren, auch durch kleine Erwachsene. In Europa gibt es einige Modelle dazu.

Entweder wir passen die Schule den Lernenden an, oder suchen uns neue Kinder für die Schule. Die Schule muss für alle eine gute Erfahrung werden.

von Geri Müller
erschienen in: teamblatt 2005